IHK für Oberfranken Bayreuth

Sprachbewusstsein
bei Ausbildern fördern

Michael Wunder, Ausbildungsakquisiteur für Flüchtlinge, bei der IHK für Oberfranken Bayreuth, und IHK-Dozentin Alevtyna Hildebrand wollen mehr Sprachbewusstsein in die Ausbildung von Migranten bringen – und zwar auf Seiten der Ausbilder und Prüfer.

Die Integration von jungen Geflüchteten und anderen Personen mit Migrationshintergrund in das Erwerbsleben ist eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe, die von vielen Mitgliedsunternehmen der IHK für Oberfranken Bayreuth ohne großes Aufheben praktiziert wird, auch wenn die bürokratischen Hürden hoch sind. Auch die Sprache bleibt trotz Integrations- und Deutschkursen ein großer Stolperstein bei der Integration ausländischer Auszubildender.

Da geht es nicht nur um kulturelle Unterschiede wie z.?B. beim Thema Pünktlichkeit, sondern oft einfach darum, wie ich Arbeitsaufträge erteile oder wie ich meine Erwartungen formuliere. Michael Wunder

Michael Wunder, Integrationsberater bei der IHK für Oberfranken Bayreuth, kennt nicht nur viele Erzählungen aus den Betrieben, die er unterstützt, sondern macht täglich eigene Erfahrungen mit ausländischen Azubis, die sich bei ihm melden. „Da geht es nicht nur um kulturelle Unterschiede wie z.?B. beim Thema Pünktlichkeit, sondern oft einfach darum, wie ich Arbeitsaufträge erteile oder wie ich meine Erwartungen formuliere“, sagt Wunder.

Spezialistin für Deutsch als Fremdsprache hilft

Damit rennt er bei der IHK-Dozentin Alevtyna Hildebrand offene Türen ein. Die gebürtige Moldawierin, die Linguistik und Interkulturelle Germanistik in der Ukraine und in Deutschland studiert hat und Spezialistin für das Unterrichten von Deutsch als Fremdsprache ist, unterrichtet Integrations- und Fachklassen an der Berufsschule in Pegnitz. An der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen bildet sie Fachlehrer im Unterrichten von ausländischen Auszubildenden aus.

Lehrmaterial für Azubis mit Migrationshintergrund

An der Berufsschule in Pegnitz arbeitet sie mit Fachlehrern aus den Bereichen Gastronomie und Metall zusammen, um Lehrmaterial für Azubis mit Migrationshintergrund besser verständlich zu machen. „Es geht nicht darum, die Sprache zu vereinfachen, sodass fachliche Inhalte verloren gehen“, sagt Hildebrand. „Wichtig ist aber für Lehrkräfte und Ausbilder zu verstehen, dass Redewendungen und Sprachformen, die wir selbstverständlich nutzen, für Ausländer, die vielleicht ein B1/B2-Niveau in Deutsch erreicht haben und die Alltagssprache ganz gut können, nicht verständlich sind“.
Beispiele gibt es zahlreiche: Zusammengesetzte Wörter sind oft ein Problem, die sogenannten Komposita. Bearbeitungsprozess bedeutet „ein Prozess, in dem etwas bearbeitet wird“. „Machen wir aus dem zusammengesetzten Wort einen kleinen Satz, ist der für Ausländer leichter verständlich“, erklärt Hildebrand. Fachkomposita sind oft im Duden nicht zu finden; eine weitere Hürde für die Azubis. Beim zusammengesetzten Fachwort Drehzahlsteuerbarkeit erkennt ein Ausländer oft nicht, dass in dem Wort das Verb „steuern“ mit dem Suffix „bar“ vermittelt, dass etwas gesteuert werden kann. Die Endung „keit“ steht für eine Eigenschaft. „Übersetzt man dieses Wort in einen Satz, kommt dabei, Die Drehzahl, die man steuern kann‘ heraus, und diesen Satz kann ein Migrant verstehen“, so Hildebrand.

Verständliche Formulierungen von Prüfungsaufgaben

„Formulierungen von Prüfungsaufgaben sind ein massives Problem“, weiß Inte­grationsberater Wunder. Die Aufgabenstellung „Wie ist ein Detail zu zeichnen?“ überfordert schon viele. Hier helfen die Modalverben „können“ und „müssen“. Mit dem Modalverb „müssen“ umgebaut lautet die Aufgabenstellung folgendermaßen: „Wie muss ein Detail gezeichnet werden?“ oder „Wie muss man ein Detail zeichnen?“. „Solche Sätze sind für Ausländer leichter zu verstehen, weil Modalverben zum Unterrichtsstoff des B1/B2-Sprachlevels gehören“, erläutert Hildebrand.

Operatoren sind ein weiterer großer Stolperstein in der Ausbildung. Das sind solche Wörter wie „ermitteln“, „darstellen“, „bestimmen“, „erläutern“ oder „erklären“, die für Prüfungsfragen typisch sind. „Baut man Sätze leicht um, können ausländische Azubis ihr Fachwissen auch anwenden“, sagt Hildebrand. „Statt ,ermitteln‘ heißt es dann ,rechnen Sie aus‘, statt ,stellen Sie dar‘ heißt es ,schreiben Sie auf’“, so die Kommunikationsexpertin.

Am ersten Seminartag geht es um die Sensibilisierung für die verschiedenen Bereiche in der täglichen Alltagskommunikation, in den Arbeitsmaterialien und in der täglichen Fachkommunikation, die den Erfolg der Ausbildung von Ausländern bedrohen. Michael Wunder

Klare, direkte Aussagen notwendig

Auch im Ausbildungsbetrieb gibt es im täglichen Umgang sprachliche Unschärfen, berichtet Wunder. „Bei Konflikten ziehen wir uns im Deutschen gerne auf eine formelle Sprache zurück, z.?B. ,Es wäre angebracht, wenn Sie das in Zukunft unterlassen‘ oder ,Dieses Verhalten ist nicht akzeptabel‘.“ „Solche Sprachformeln sind zu indirekt“, pflichtet Hildebrand bei. „Klare, direkte Aussagen, die einen Muttersprachler fast an einen Befehl erinnern, sind für Ausländer nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell besser verständlich“, erklärt sie. „Es müsste also heißen: ,Machen Sie es in Zukunft nicht mehr so, sondern so, wie ich es Ihnen sage‘ (es ist besser mit Imperativ) oder ,Ich will nicht, dass Sie sich so verhalten.‘ ,Sie müssen sich anders verhalten‘. (mit Modalverben sind Anweisungen bzw. Kritik klarer formuliert). ,Das akzeptiere ich nicht‘. Klare Ansagen werden nicht als unhöflich oder übergriffig verstanden, sind sich Wunder und Hildebrand einig.

In der Weiterbildung der IHK für Oberfranken Bayreuth unterrichtet Hildebrand ein 2-tägiges Seminar für Ausbilder und Personalverantwortliche mit dem Titel „Sprachbewusstsein fördern“. Ziel des Seminars ist es, auf Seiten der deutschen Ausbilder ins Bewusstsein zu bringen, dass es solche sprachlichen Stolpersteine gibt. Diese sollen verringert werden, damit die Ausbildung und Integration ausländischer Mitarbeiter erfolgreich ist.

Anschauliche Beispiele der Stolpersteine

„Am ersten Seminartag geht es um die Sensibilisierung für die verschiedenen Bereiche in der täglichen Alltagskommunikation, in den Arbeitsmaterialien und in der täglichen Fachkommunikation, die den Erfolg der Ausbildung von Ausländern bedrohen“, erklärt Hildebrand ihr Schulungskonzept. „Ich mache keine abstrakte Einführung in akademische Sprachkonzepte, sondern zeige konkrete Sprachbereiche auf, die mit anschaulichen Beispielen die Stolpersteine schnell verständlich machen.“

„Bitte nicht vom Begriff ,Sensibilisierung‘ in der Kursbeschreibung verschrecken lassen“, lacht Wunder“, „da geht es nicht um Gefühliges, sondern um den Aha-Effekt, wenn man versteht, mit welchem Satzbau und welcher Wortwahl ich mein Gegenüber endlich erreichen kann.“ Am zweiten Seminartag werden Fallbeispiele aus den Unternehmen betrachtet und konkrete Ausbildungsmaterialien überarbeitet.

„Übrigens haben schwache Muttersprachler ähnliche Probleme mit der Fachsprache“, sagt Hildebrand. „Auch die profitieren durch diese sprachliche Entlastung, die man z.?B. durch das Umformulieren von Sätzen und eine aktive Sprachform erreicht“.


Save the date

„Sprachbewusstsein fördern“
In der Weiterbildung der IHK für Oberfranken
Bayreuth unterrichtet Hildebrand ein 2-tägiges
Seminar für Ausbilder und Personalverantwortliche mit dem Titel „Sprachbewusstsein fördern“.

IHK-Bildungszentrum Bayreuth
Lehrgangsdauer: 06. und 07.03.2020

IHK-Bildungszentrum Bamberg
Lehrgangsdauer: 09. und 10.10.2020

Informationen und Anmeldung: http://ihkofr.de/9j


IHK für Oberfranken Bayreuth
Michael Wunder
Bereich Berufliche Bildung Ausbildungsakquisiteur für Flüchtlinge
0921 886-2 40
m.wunder@bayreuth.ihk.de

IHK für Oberfranken Bayreuth
Stefanie Thaler
Die Weiterbildung für Oberfranken
Sachbearbeiterin Produktvertrieb
0921 886-717
thaler@bayreuth.ihk.de