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Seidenstraße: Weltumspannende Wege

Große wirtschaftliche Chancen, aber Kritik an fehlender Transparenz: Kongress beleuchtete das chinesische Mega-Projekt „Neue Seidenstraße“.

Zum zweiten Mal hat die NürnbergMesse gemeinsam mit den bayerischen IHKs und dem Bayerischen Wirtschaftsministerium die Unternehmerkonferenz zur Neuen Seidenstraße ausgerichtet. Das riesige Infrastrukturprojekt der Volksrepublik China wurde vor sechs Jahren von Staats- und Parteichef Xi Jinping als „Belt and Road“-Initiative (BRI) verkündet und soll ein Investitionsvolumen von rund 1.000 Mrd. Dollar umfassen. Die Entwicklungsinitiative insbesondere für den Eurasischen Kontinent sieht die drei Korridore über Transsibirien und Mongolei, Kasachstan sowie Taschkent-Teheran-Istanbul vor, die das Reich der Mitte auch mit Europa verbinden. Die beiden Korridore Pakistan und Indien binden flankierend die näheren Nachbarn an. Die maritime Seidenstraße oder Road soll auf dem Wasserweg Australien mit Südostasien über China mit den Häfen in Ostafrika und dem Mittelmeer verbinden.

Das Thema sei auch für regionale Unternehmen sehr wichtig, unterstrich IHK-Hauptgeschäftsführer Markus Lötzsch. „Der BRI-Express ist unterwegs und wir diskutieren noch.“ Deutschland und Europa sollten gegenüber China mit einer Stimme sprechen und nicht auf „Konfrontation, sondern Kooperation“ setzen. Für bayerische Unternehmen seien viele Projekte in Sicht. Die wirtschaftliche Kraft und Effizienz der Volksrepublik illustrierte Lötzsch am Beispiel des neuen Flughafens im Süden Pekings, auf dem jährlich bis zu 100 Mio. Passagiere abgefertigt werden sollen und der mit wenigen Wochen Verspätung gerade eröffnet wurde. BRI stehe für mehr als nur den gigantischen Ausbau der Infrastruktur, bei der sich China zu den Werten „grün, offen, transparent“ bekannt habe, sowie einen damit verbundenen Aufschwung von Tourismus und kulturellem Austausch. Das Riesenreich denke „langfristig und strategisch“, um 2049 eine der führenden Nationen in der Welt zu werden. „Made in China“ solle nach deutschem Vorbild eine Marke werden und die Währung Renminbi eine internationale Leitwährung. Außerdem wollen die Chinesen eine „Digitale Seidenstraße“ errichten und damit ihren Aufstieg als innovative Weltmacht absichern. Die „Greater Bay Initiative“ im Süden Chinas solle als gigantisches technologisches Entwicklungsprojekt eine Antwort auf das US-amerikanische Silicon Valley geben und mit ihm gleichziehen.

Bayerns Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert würdigte die engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Freistaat und China. Mit einem Handelsvolumen von über 30 Mrd. Euro sei die Volksrepublik der wichtigste Handelspartner des Freistaates. Damit BRI eine Win-win- Situation schaffen könne, bräuchte es aber faire Wettbewerbsregeln: „Keine Währung ist härter als Vertrauen.“

In die gleiche Kerbe schlug auch der Chef der NürnbergMesse, Dr. Roland Fleck: Das „Mega-Infrastrukturprogramm BRI“ könne zwar ein Konjunkturprogramm sein, er sorge sich aber über mangelnde Transparenz bei der Auftragsvergabe, beim Investitionsschutz und der Rechtssicherheit. Die Seidenstraße präge heute schon intensiv die Wirtschaft, neue Straßen, Häfen und Schienennetze beträfen mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung, Fleck erinnerte auch an die „China Landbridge“, die Güterzugverbindung von Nürnberg nach China: Sie sei „schneller als ein Schiff und deutlich günstiger als ein Flugzeug“.

Der Generalkonsul der Volksrepublik China in Bayern, Yue Zhang, würdigte den Seidenstraßenkongress in Nürnberg als „einziges BRI-Forum in Deutschland“. Er versicherte den Teilnehmern, dass man für jeden konstruktiven Impuls offen sei. Offenheit, Ökologie und Transparenz seien Standards, die von allen akzeptiert würden. Sie gälten auch für die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank AIIB, bei der Deutschland zu den vier größten Eignern zähle.

Für Prof. Dr. Markus Taube, Inhaber des Lehrstuhls für Ostasienwirtschaft / China an der Mercator School of Management der Uni Duisburg-Essen, liegt die Bedeutung von BRI im Multilateralismus. Sechs Jahre nach dem Start seien Zollschranken abgebaut, Schienen revitalisiert und neue Handelswege etabliert worden. Länder abseits der früheren Handelswege seien integriert worden, weshalb es in den jeweiligen Regionen zu Wohlstandsgewinnenn und Industrialisierungseffekten gekommen sei.

In diesen Staaten entlang der Seidenstraße liege das eigentliche Potenzial für Unternehmen aus Deutschland. Allerdings würden die bislang entstandenen rund 80 Industriezonen de facto chinesisch geführt, deutsche Firmen seien bislang kaum vertreten. Damit überlasse man in Ländern wie Usbekistan, Kasachstan oder Tadschikistan die Federführung den Chinesen. Die Prämisse „Handel durch Wandel“ werde nun von der Volksrepublik mit Leben erfüllt. Taube nannte als Beispiele den Renmimbi als Fakturierungs- und Reservewährung, Standards und Normen führender chinesischer Akteure sowie Chinesisch als zweite Fremdsprache in Weißrussland. Vor diesem Hintergrund ist für den Professor klar: „China ist nicht nur Partner, sondern auch Rivale.“ Das „weltweite Gravitationszentrum“ finde sich nicht mehr in den USA, sondern auf der Seidenstraße, war sich Taube sicher. Mit Blick auf die Bertelsmann-Studie „Was der Westen entlang Chinas neuer Seidenstraße investiert“ konstatierte er allerdings auch ein Kommunikationsproblem. Denn die westlichen Länder haben der Untersuchung zufolge zwischen 2013 und 2017 insgesamt etwa 290 Mrd. US-Dollar in die untersuchten BRI-Länder investiert, etwas mehr als China (Download der Studie: www.bertelsmann-stiftung.de, Suchbegriff „Seidenstraße).

Für mehr Engagement der Wirtschaft in den Staaten entlang der Seidenstraße sei mehr politischer Rückenwind von Deutschland und der EU notwendig, berichtete Thomas König, Referent China für den Asien-Pazifik-Ausschusss der deutschen Wirtschaft beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Dies würden sich mehr als vier von fünf Unternehmen wünschen. Nach wie vor mangele es in der Praxis an Transparenz bei den Ausschreibungen, deren Löwenanteil nach wie vor an chinesische Firmen geht. Mit „einer gemeinsamen EU-Stimme“ ließe sich der Dialog mit China besser führen.

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Sara Franke
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