IHK-Neujahrsempfang

Differenzierter Blick auf die Digitalisierung

Franz Josef Radermacher, Professor für digitale Transformation an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen, stellte unerwartete Zusammenhänge zur Digitalisierung her.

Der Festredner des diesjährigen IHK-Neujahrsempfangs, Franz Josef Radermacher, Professor für digitale Transformation an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen, ist unter anderem Mitglied des Club of Rome und Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europa. Er zählt zu den wenigen Experten, die sowohl in der Mathematik als auch in den Wirtschaftswissenschaften und der Philosophie zu Hause sind, und stellt in seinem Vortrag wiederholt unerwartete Zusammenhänge her.

Für einen Unternehmer etwa bleibt es wichtig, auch weiterhin Entscheidungen zu treffen. Da hilft kein Tool.

Franz Josef Radermacher

„2018 war für Deutschland ein gutes Jahr, was man aber nicht für die Entwicklung der Weltwirtschaft sagen kann“, so Radermacher. Ursache dafür sei auch der starke Bevölkerungszuwachs. „Seit 2000 ist die Erdbevölkerung um 1,5 Milliarden gewachsen, was der dreifachen Bevölkerungszahl der EU entspricht. Bis 2050 rechnet man mit einem weiteren Zuwachs um 2,5 Milliarden Menschen.“

Kritik an Kirchturmdenken in Klimapolitik

Wenn die Welt ihr Klimaproblem lösen wolle, müsse dieser Zuwachs bei Bevölkerung und Wohlstand klimaneutral erfolgen. Er kritisiert das Kirchturmdenken in der Klimapolitik. Das Klimaproblem der Erde in Deutschland lösen zu wollen, bezeichnet Radermacher als absurden Ansatz. Vielmehr müsse dort investiert werden, wo die Bevölkerung stark ansteige. Denn die CO?-Zuwächse in Regionen wie Afrika oder dem indischen Subkontinent seien um ein Vielfaches höher, als in Deutschland je eingespart werden können.

Die Digitalisierung sei eng verknüpft mit der Globalisierung, so Radermacher. Vom Fortschritt hätten nicht alle profitiert. Regional hätten etwa der Rust Belt in den USA oder Mittelengland verloren, China dagegen gewonnen. Der Zuwachs sei aber auch nicht in allen Bevölkerungsschichten angekommen, was eine Radikalisierung befeuere.

Theoretisch könnte die Digitalisierung den Klimaveränderungen entgegenwirken, da es ja eigentlich nicht mehr erforderlich sei, sich physikalisch zu bewegen. Tatsächlich habe die Digitalisierung aber etwa dazu geführt, dass Flüge in den vergangenen Jahrzehnten spürbar preiswerter geworden sind. Heute gibt es mehr Flüge denn je mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Weltklima, so der Informatiker und Globalisierungsexperte.

Fantastische Möglichkeiten nur für Triviales genutzt

Der Chip eines Smartphones für fünf Euro sei etwa 1.000 Mal so leistungsfähig wie der Großrechner für 200 Millionen Euro, mit dem die Apollo-Mission berechnet wurde. „So ein Smartphone ist fantastisch, die meisten Menschen nutzen diese Maschine aber auf sehr triviale Art, sie machen Selfies“, so Radermacher. Da sie aber so damit beschäftigt seien, die über E-Mail oder soziale Medien eingehenden Nachrichten zu prüfen, hätten sie keine Zeit, sich die Bilder später in Ruhe anzuschauen. Diese Fotos würden dann an andere versendet, die ebenfalls keine Zeit hätten, sich diese anzusehen. Die über die IT betriebene Parallelisierung von Prozessen führe deshalb nur zu neuen Problemen.

Nur der Mensch erkennt Zusammenhänge

Mit einer Vielzahl von Daten können zweifellos Korrelationen gefunden werden. Das allein genüge aber nicht, so der Vordenker. „Nur weil in einer Region die Zahl der Störche ebenso wächst wie die Anzahl der Babys, heißt das noch lange nicht, dass hier irgendein Zusammenhang besteht.“ Weniger Daten bedeuten weniger Variable und damit schnellere Entscheidungsprozesse.

Radermacher: „Am Ende des Tages sind viele Prozesse Hardware.“ Entscheidungen müsse der Mensch weiterhin selbst treffen, die eigentlichen Ideen müssejeder selbst finden. „Für einen Unternehmer etwa bleibt es wichtig, auch weiterhin Entscheidungen zu treffen. Da hilft kein Tool.“

Er kritisiert, dass viele ihr Heil ausschließlich in der Disziplin sehen und sich damit einem Roboter annähern. Dies sei aber der größte Unterschied zwischen Mensch und Maschine: Eine Maschine könne nicht fühlen. „Gefühl ist das Einzige, das das Leben lebenswert macht“, so Radermacher. Er appelliert deshalb an die Gäste des IHK-Neujahrsempfangs, nicht jedem Hype hinterherzulaufen, dies sei keine Lösung.

Zur Erinnerung an seinen Besuch bei der IHK erhielt der Professor von IHK-Präsidentin Sonja Weigand und IHK-Hauptgeschäftsführerin Gabriele Hohenner etwas Warmes von einem einheimischen Traditionsunternehmen.