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Auf dem Sprung zur Ausbildung 4.0

Bundesweit veranschlagt DIHK-Präsident Dr. Eric Schweitzer für die Berufsschulen in den kommenden Jahren Investitionen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro.

Branchenübergreifend hat der digitale Wandel die Wirtschaft erfasst. Das gilt in allen Bereichen, auch in der Ausbildung. Wie sich Unternehmen jetzt richtig aufstellen, um in Zukunft fachlich am Ball und außerdem attraktiv für die Fachkräfte von morgen zu bleiben. Digitalisierung kann verblüffend einfach sein – und mit Auszubildenden beginnen.

Ein Beispiel: In einem Druck- und Medienhaus kosteten abteilungsübergreifende Rücksprachen immer wieder viel Zeit. Drei Azubis nahmen sich, unterstützt vom Geschäftsführer, der Sache an. Sie stellten fest, dass nicht alle Mitarbeiter im Unternehmen eine Mailadresse haben oder dass sie wegen des Maschinenlärms kein Telefon an ihrem Arbeitsplatz nutzen können. Das Problem ist inzwischen vom Tisch. Heute verwenden die 160 Beschäftigten einen betriebseigenen Chat für kurze Absprachen und versenden auch Dateien dazu.

Für Ulrike Heitzer-Priem vom RKW Kompetenzzentrum ist das ein gelungenes Beispiel, „wie Auszubildende im zweiten und dritten Lehrjahr die Digitalisierung beim eigenen Arbeitgeber vorantreiben können“. Das Innnovationszentrum für die mittelständische Wirtschaft hat bundesweit bereits 300 angehende Fachkräfte als sogenannte Digiscouts durch Coaching ihrer Ausbildungsbetriebe begleitet, auch in Zusammenarbeit mit den Industrie- und Handelskammern. Interessen und mitgebrachte Fähigkeiten der jugendlichen Digital Natives gehen dabei Hand in Hand mit dem Nutzen für die Unternehmen – und machen letztere zugleich als Ausbildungsbetriebe noch attraktiver.

Heike Kummer, Vorsitzende des DIHK-Bildungsausschusses und Leiterin Aus- und Weiterbildungspolitik der Daimler AG.

Längst müssen nicht mehr nur Medien-, Elektro- oder Metallunternehmen passende Antworten auf die fortschreitende Digitalisierung finden, die auch die Berufsausbildung erfasst hat. Junge Menschen können sich eine Welt ohne Internet, Messenger-Dienste und Chats nicht mehr vorstellen. In ihrer Firma wollen sie entsprechend kommunizieren, sind aber noch nicht in jeder Hinsicht medienkompetent, wenn es etwa um Datenschutz und IT-Sicherheit geht. Hier muss nötiges Wissen im Rahmen der dualen Ausbildung vermittelt werden. Und auch bei der Organisation des Lernens sind neue Wege gefragt, vom webbasierten Azubi-Training bis zum online geführten Berichtsheft.

Gefragte Kompetenzen

Bei der Daimler AG werden die Berichtshefte inzwischen „in einer einfacheren digitalen Version“ geführt, erläutert Heike Kummer, Vorsitzende des DIHK-Bildungsausschusses sowie Leiterin Aus- und  Weiterbildungspolitik des Autokonzerns. Bei vielen Betrieben haben die Hefte, mit denen Azubis die Stationen ihrer Ausbildung dokumentieren, um zur Abschlussprüfung zugelassen zu werden, bislang noch Papierform. Das wird das webbasierte Serviceportal des DIHK demnächst ändern. „Wenn wir deutschlandweit von all unseren Ausbildungsstandorten darauf zugreifen können, um die Berichtshefte an die verschiedenen Industrie- und Handelskammern zu übermitteln, ist das für uns ein Riesenschritt“, so Kummer.

Tatkräftige Hilfe
Wo Ausbildungsbetriebe professionelle Unterstützung finden, um im Zeichen des digitalen Wandels vorne mit dabei zu sein.Digitale Mittel nutzen. Über neue Lehr- und Lernkonzepte klärt die Roadshow des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Bundesinstituts für Berufsbildung unter dem Titel „Digitale Medien im Ausbildungsalltag“ auf. Nächste Termine unter bit.ly/DigitaleKonzepte.Potenziale heben. Selbst wenn die Geschäftsführung das Thema Digitalisierung auf der Agenda hat, können junge Leute mit ihrem etwas anderen Blick noch auf zusätzliche Möglichkeiten stoßen und im Rahmen eines klar umrissenen Vorhabens maßgeblich zur Lösung beitragen. Dabei hilft das Projekt „Digiscouts“ des RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrums der Deutschen Wirtschaft. Details gibt’s online: bit.ly/Digiscouts.Junge Leute gewinnen

Ob Ausbildungsplatz oder berufsbezogenes Praktikum: Über die IHK-Lehrstellenbörse
( www.ihk-lehrstellenboerse.de) ist es Arbeitgebern möglich, offene Stellen bundesweit auszuschreiben – auch mit Blick auf Kompetenzen, die im Rahmen der Digitalisierung besonders gefragt sind.

Konflikte lösen. Im Verlaufe des digitalen Wandels können Veränderungen in der Firma auch zu Kontroversen führen – etwa zwischen Azubi und Ausbilder. Droht sich die Situation zuzuspitzen, vermittelt auf Wunsch eine erfahrene Person der IHK und hilft beim Bewältigen des Problems.

Exzellente Lernfabriken

Auch die Berufsschulen entwickeln sich angesichts der immer kürzeren Innovationszyklen als Partner in der dualen Ausbildung weiter. Allerdings seien „an vielen Standorten berufsbildender Schulen Modernisierungen dringend erforderlich“, sagt Eugen Straubinger, Vorsitzender des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung (BvLB). Er ist Oberstudiendirektor an einem gewerblichen Schulzentrum, zu dem eine Lernfabrik Industrie 4.0 gehört. Dort üben beispielsweise angehende Mechatroniker an einer Fertigungslinie das Bedienen hochtechnischer Anlagen. Generell, so Straubinger, hätten die Klassenzimmer von der Ausstattung her kaum noch etwas gemein mit denen vor 20 Jahren.

Bundesweit sollen die Schulen derart modernisiert werden. Eine beträchtliche Aufgabe: DIHK-Präsident Dr. Eric Schweitzer veranschlagt mit Blick auf die Berufsschulen in den kommenden Jahren Investitionen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro. „Es reicht dabei nicht aus, nur an die digitale Ausstattung mit Hard- und Software zu denken. Es geht auch um eine entsprechende Aus- und Weiterbildung für die Lehrer“, fordert Schweitzer. Der DIHK hat dazu gemeinsam mit den Lehrerverbänden konkrete Handlungsempfehlungen an die Politik formuliert.

Auf ein erfolgreiches Zusammenspiel von Unternehmen und Berufsschulen setzt der Präsident des Bundesinstituts für Berufsausbildung, Professor Dr. Friedrich Hubert Esser: „Gemeinsame Projektarbeiten zwischen Schule und Betrieb sowie gut ausgestattete Lernlabore sind hier wichtige Aspekte.“ Betriebe könnten auch an einer angemessenen Ausstattung der Berufsschule vor Ort mitwirken und sollten zudem den Austausch mit den Lehrkräften unterstützen, findet Esser.

Attraktivität gezielt steigern
Wie Arbeitgeber junge Nachwuchskräfte geschickt in ihr Digitalisierungsprojekt einbeziehen und so an Attraktivität gewinnen.Mitarbeitende einbinden. Um frische Ideen für das eigene Unternehmen zu finden, lädt die Geschäftsführung ausgesuchte Beschäftigte zu einem Workshop ein. Dazu sollten neben Fach- und Führungskräften in jedem Fall auch Auszubildende des zweiten oder dritten Lehrjahrs zählen. Denn die fühlen sich in der digitalen Welt zu Hause und bringen ihre Vorschläge oft erfrischend unvoreingenommen ein. Das gilt ebenso für die Phase, wenn es anschließend an die Umsetzung im Betrieb geht.Anregen lassen. Den Weg hin zur passgenauen Digitalisierung ermitteln können kleine und mittlere Unternehmen am besten, wenn sie sich von Beispielen inspirieren
lassen. Dabei unterstützt sie das sogenannte Digitalisierungs-Cockpit des RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrums der Deutschen Wirtschaft. Das kostenlos nutzbare Werkzeug gibt es online unter www.digitalisierungs-cockpit.de oder – optimiert für das Smartphone – via app.digitalisierungs-cockpit.de. In Form beschrifteter Karteikarten ist es online bestellbar: bit.ly/RKWInspirationsbox.

Neue Chancen

Wie völlig neue fachliche Anforderungen in Berufsbildern aussehen können, verdeutlicht Joachim Maiß, Co-Vorsitzender des Lehrerverbandes BvLB, anhand eines branchenübergreifenden Beispiels: „Für einen kaufmännischen Sachbearbeiter stand bislang der Verkaufsprozess im Vordergrund.“ Heute führe Amazon mithilfe künstlicher Intelligenz vor, wie diese Vorgänge automatisch ablaufen, erklärt der Multimedia-Experte. Der Kaufmann der Zukunft werde solche Verfahren optimieren und Softwarelösungen zur Ressourcenplanung seines Arbeitgebers anpassen. Sich rasch auf technische Veränderungen einstellen zu können, ist gefragt – auch im eigenen Ausbildungsbetrieb. So wie bei dem Druck- und Medienhaus, wo die drei Azubis mithilfe von Kollegen das firmeneigene Chat-Tool selbst programmiert haben. Die Ausbildung 4.0 kommt.

Rudolf Kahlen